1. Die Familie der Tabula-Spiele
Das Backgammon, wie wir es heute kennen, ist nur ein Zweig einer großen Spielefamilie, der „Tabula-Spiele“ (französisch „jeux de tables“). Alle diese Spiele haben dieselben Grundelemente: ein in 24 Punkte unterteiltes Brett, zwei Sätze zu je 15 Steinen und zwei Würfel. Die Regeln unterscheiden sich jedoch von Kultur zu Kultur erheblich.
In Frankreich dominierte jahrhundertelang das Trictrac, bevor im 19. Jahrhundert das Jacquet die Nachfolge antrat. Im Osmanischen Reich war es das Tavla, in Russland die Narde, in Griechenland das Plakoto. Diese Varianten zeigen, wie ein Spiel durch die Zivilisationen wandert und sich dabei verwandelt.
2. Jacquet — die französische Variante
Das Jacquet war lange die beliebteste Variante in Frankreich und in Familienrunden weiter verbreitet als das Standard-Backgammon. Es zeichnet sich durch eine Grundregel aus: Alle 15 Steine jedes Spielers beginnen auf demselben Punkt, dem „Talon“ (für Sie Punkt 24); die beiden Spieler starten in gegenüberliegenden Ecken und ziehen in dieselbe Richtung.
Besondere Regeln des Jacquet
- Alle 15 Steine starten auf Punkt 24 (dem Talon) und bilden eine Kolonne aus 15
- Beide Spieler ziehen in dieselbe Richtung, gegen den Uhrzeigersinn
- Man kann nicht schlagen (keine Bar): Sie dürfen keinen Punkt besetzen, der bereits vom Gegner besetzt ist
- Um den gegnerischen Punkt zu „passieren“, brauchen Sie einen Wurf, der groß genug ist, um darüber zu springen
- Pasche werden wie im Backgammon viermal gespielt; zuvor muss allerdings ein erster Stein, der „Postillon“, ins letzte Viertel des Weges gebracht werden, bevor die anderen Steine vom Talon ziehen dürfen
Strategie im Jacquet
Ohne die Möglichkeit zu schlagen ist das Jacquet ein reines Rennen mit Hindernissen. Die Kunst besteht darin, dem Gegner den Weg zu versperren, indem man strategische Punkte besetzt, und dabei die dichte Kolonne aus 15 Steinen zu verwalten.
Das Jacquet erscheint in Frankreich erst um 1800, aus Spanien kommend (das kastilische „chaquete“, hervorgegangen aus dem 1638 belegten katalanischen „jaquet“). Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte am Hof von Versailles das Trictrac; das einfachere Jacquet setzte sich danach in den Familien durch, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
3. Trictrac — der noble Vorfahre
Das Trictrac ist ein französisches Tabula-Spiel, das mehrere Jahrhunderte lang gespielt wurde, bevor es im 19. Jahrhundert aus der Mode kam. Es ist deutlich komplexer als das Standard-Backgammon und legt großen Wert auf „Punkte“, die im Laufe der Partie erzielt werden — nicht nur am Ende.
Besonderheiten des Trictrac
- Die Spieler erzielen während der gesamten Partie Punkte (nicht nur am Ende)
- Man punktet, wenn man einen einzelnen gegnerischen Stein „schlägt“, der geschlagene Stein wird aber nicht vom Brett genommen
- Das „Plein“ (alle sechs Punkte eines Jan, also eines Brettviertels, mit je mindestens zwei Steinen zu besetzen) ist sehr begehrt
- Zahlreiche Sonderregeln für Pasche und besondere Stellungen
- Die fortlaufende Wertung macht das Trictrac viel taktischer und psychologischer
Das Trictrac hatte bis ins frühe 19. Jahrhundert viele Liebhaber in Adel und Bürgertum Frankreichs.
4. Narde — die russische Variante
Die Narde (auch „Lange Narde“ oder „Long Nard“ genannt) ist die vorherrschende Variante in Russland, im Kaukasus und in weiten Teilen Zentralasiens. Wie beim Jacquet ist das Schlagen verboten.
Regeln der Narde
- Alle 15 weißen Steine starten auf Punkt 24, alle schwarzen auf Punkt 12 (gegenüberliegende Seite)
- Kein Blot kann geschlagen werden — Sie dürfen keinen gegnerischen Punkt besetzen
- Den Gegner kann man nur behindern, indem man Punkte besetzt, die ihm dann verschlossen sind; ein einzelner Stein genügt, um einen Punkt zu schließen
- Es ist verboten, eine Sperre aus 6 aufeinanderfolgenden Punkten zu bilden, wenn sich kein gegnerischer Stein vor dieser Sperre befindet
- Kein Doppelwürfel in der traditionellen Version
5. Tavla — das türkische Backgammon
Das Tavla (oder „Tavli“) wird in der Türkei und im ganzen Nahen Osten gespielt. Das Wort bezeichnet auch eine Spielefamilie: In Griechenland reiht das „Tavli“ in einem Match drei Spiele aneinander, Portes (dem Backgammon nahe), Plakoto und Fevga; in der Türkei spielt man neben dem klassischen Tâvla auch Mahbusa (dem Plakoto entsprechend) und Gülbahar (dem Fevga nahe).
Das Standard-Tâvla
Die Regeln des Standard-Tâvla sind dem westlichen Backgammon sehr ähnlich, mit einigen Unterschieden:
- Die Grundaufstellung ist identisch mit dem Standard-Backgammon
- Schlagen und Einsetzen folgen denselben Regeln; dafür gibt es kein Backgammon (dreifacher Sieg): Ein Gammon („Mars“) zählt 2 Punkte
- Kein Doppelwürfel in den traditionellen Kaffeehäusern (in modernen Turnieren wird er verwendet)
6. Acey-Deucey — die amerikanische Version
Das Acey-Deucey ist eine beliebte Variante in den Vereinigten Staaten, besonders in der US Navy. Der Name stammt vom Spezialwurf „Ass und Zwei“ (englisch 1-2), dem stärksten Wurf des Spiels.
Regeln des Acey-Deucey
- Das Brett beginnt leer — die Steine kommen nach und nach von außen ins Spiel
- Würfeln Sie eine 1-2 (Acey-Deucey), können Sie dieses Ergebnis spielen, dann einen beliebigen Pasch wählen UND spielen und die Würfel für einen weiteren Zug neu werfen
- Alle übrigen Regeln entsprechen weitgehend dem Standard-Backgammon
Ein Acey-Deucey kann eine Partie völlig verändern. Sie können zum Beispiel einen Pasch 6-6 wählen (vier Züge zu je 6 Feldern) und danach noch einmal würfeln! Das ist sehr zufallsabhängig, aber ungeheuer unterhaltsam.
7. Plakoto — die griechische Variante
Das Plakoto ist eine der drei Varianten des griechischen Tavli (neben Portes und Fevga). Seine Besonderheit: Steine werden nicht geschlagen und auf die Bar gelegt — sie werden an Ort und Stelle blockiert.
Die Blockregel im Plakoto
Landet Ihr Stein auf einem gegnerischen Blot, nagelt er ihn fest. Der festgenagelte Stein kann sich nicht bewegen, solange Ihr Stein auf demselben Punkt bleibt. Ziehen Sie Ihren Stein weg, ist der Gegner befreit. Sie können mehrere gegnerische Steine gleichzeitig festnageln, wenn Sie genügend Steine zum Ziehen haben!
Eine weitere interessante Regel: Nagelt der Gegner Ihre „Mutter“ (Ihren letzten auf Ihrem Startpunkt 24 verbliebenen Stein, im gegnerischen Heimfeld) fest, verlieren Sie die Partie sofort, in der Regel doppelt gewertet. Der Name des Spiels stammt vom Verb „πλακώνω“ (plakóno), „bedecken, erdrücken“.
8. Hypergammon und moderne Varianten
Moderne Spieler haben neue Varianten für schnellere und intensivere Partien geschaffen:
- Hypergammon: Jeder Spieler beginnt mit nur 3 Steinen (auf den Punkten 24, 23, 22). Die Partien sind sehr kurz und sehr zufallsabhängig — ideal, um schnelle Entscheidungen zu trainieren
- Nackgammon: wie Backgammon, aber zwei zusätzliche Steine starten im gegnerischen Feld (2 Steine auf Punkt 24, 2 auf Punkt 23, dann 4 auf Punkt 13, 3 auf Punkt 8 und 4 auf Punkt 6, statt 2-5-3-5)
- Chouette: Variante für 3+ Spieler, bei der ein einzelner Spieler („die Box“, englisch box) gegen die anderen antritt, die ein Team unter der Führung eines Captains bilden
9. Vergleichstabelle
| Variante | Herkunft | Schlagen | Startaufstellung | Doppelwürfel |
|---|---|---|---|---|
| Backgammon | International | Ja | 2-5-3-5 | Ja |
| Jacquet | Frankreich | Nein | 15 auf P. 24 | Nein |
| Trictrac | Frankreich | Schlagen ohne Entfernen (Punkte) | 15 auf dem Talon | Nein |
| Narde | Russland/Kaukasus | Nein | 15 auf P. 24 und P. 12 | Nein |
| Tavla | Türkei | Ja | 2-5-3-5 | Nur bei Turnieren |
| Acey-Deucey | USA | Ja | Leeres Brett | Nein |
| Plakoto | Griechenland | Blockieren | 15 auf P. 24 | Manchmal |
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